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Gedichte von 
Rabindranath Tagore, 
Indien, 1861-1941


Ich will Deinen Namen nennen

Ich will Deinen Namen nennen, sitzend allein 
zwischen den Schatten meiner stummen Gedanken. 
Ich will ihn nennen ohne Worte, 
ich will ihn nennen ohne Zweck. 
Denn ich bin wie ein Kind, 
das seine Mutter ruft hundertmal, 
Froh, dass es sagen kann. »Mutter!«


Wende Dich nicht ab

Wenn meines Herzens Tür verschlossen ist,
Wenn Du vergeblich pochst,
O kehr nicht um! Sprenge die Tür, o Herr,
Und dringe in des Herzens Heiligtum!

Wenn einmal auf den Saiten dieser Laute
Dein Name nicht ertönt,
O wende Dich nicht ab von Deinem Sänger!
Verweil erbarmend einen Augenblick!

Wenn ich bei Deinem Ruf in Schlafes Banden
Gefesselt liege, Herr,
Wecke mich mit dem Feuer Deines Blitzes
Und wende Dich nicht ab von Deinem Freund!

Und wenn ich einem andern Deinen Sitz
Einmal beflissen biete,
O Du, für alle Ewigkeit mein König,
Werde nicht irre, wende Dich nicht ab!


Segen des Vaters

Licht, dir neige ich mich! 
Mache mich rein!
Küsse auf meine Stirn
Den Segen des Vaters!

Wind, dir neige ich mich!
Mache mich wach!
Streich' über meinen Leib
Den Segen des Vaters!

Erde, dir neige ich mich!
Mache mich reich!
Lass fruchtbar werden an mir
Den Segen des Vaters!


Alle sind Boten Deiner Liebe, Herr

Alle sind Boten Deiner Liebe, Herr!
Das Licht, das golden auf den Blättern tanzt,
Die Wolke, die in träumerischer Muße
Über das tiefe Blau des Himmels schwimmt,
Der Wind, der leise meine Stirn umfächelt
Und wohlig kühl die Glieder überrieselt,
- Alle sind Boten Deiner Liebe, Herr! -

Mein Herz hat Deine Botschaft heut vernommen, 
Als sich mein Auge in der gold'nen Flut 
Des Morgenlichtes badete. Da sah ich 
Dein Antlitz tief zu mir herab sich neigen, 
Und meine Augen senkten sich in Deine. 
Da hat mein Herz der Liebe Gruß vernommen, 
Da hat es Deine Füße fromm berührt.

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