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Der Gast

Irgendwo, weit weg von hier, dort, wo einmal der Wilde Westen war, 
wandert einer mit dem Rucksack auf dem Rücken durch weites, menschenleeres Land. 
Nach stundenlangem Marsch — die Sonne steht schon hoch und sein Durst wird groß — sieht er am Horizont ein Farmhaus. 
»Gott sei Dank«, denkt er, »endlich wieder mal ein Mensch in dieser Einsamkeit. 
Bei ihm kehre ich ein, bitte ihn um etwas zu trinken, und vielleicht setzen wir uns noch auf die Veranda und unterhalten uns, 
bevor ich wieder weiterziehe.« 
Und er malt sich aus, wie schön es sein wird. 

Als er aber näher kommt, sieht er, wie der Farmer sich im Garten vor dem Haus zu schaffen macht, und ihn befallen erste Zweifel: »Wahrscheinlich hat er viel zu tun, und wenn ich sage, was ich möchte, falle ich ihm lästig; er könnte meinen, ich sei unverschämt . . . « 
Als er dann an die Gartentüre kommt, winkt er dem Farmer nur und geht vorbei. 

Der Farmer seinerseits sah ihn schon von ferne, und er freute sich. 
»Gott sei Dank! Endlich wieder mal ein Mensch in dieser Einsamkeit. Hoffentlich kommt er zu mir. 
Dann werden wir zusammen etwas trinken. 
Und vielleicht setzen wir uns noch auf die Veranda und unterhalten uns, bevor er wieder weiterzieht.« 
Und er ging ins Haus, um Getränke kalt zu stellen. 

Als er den Fremden aber näher kommen sah, begann auch er zu zweifeln. 
»Er hat es sicher eilig, und wenn ich sage, was ich möchte, falle ich ihm lästig; und er könnte meinen, ich dränge mich ihm auf. 
Doch vielleicht ist er durstig und will von sich aus zu mir kommen. 
Am besten ist, ich gehe in den Garten vor dem Haus und tue so, als ob ich mir zu schaffen mache. 
Dort muss er mich ja sehen, und wenn er wirklich zu mir will, wird er es schon sagen.« 
Als dann der andere nur herüberwinkte und seines Weges weiterzog, sagte er: 
»Wie schade! « 

Der Fremde aber wandert weitet Die Sonne steigt noch höher, und sein Durst wird größer, 
und es dauert Stunden, bis er am Horizont ein anderes Farmhaus sieht. 
Er sagt sich: 
»Diesmal kehre ich bei dem Farmer ein, ob ich ihm lästig falle oder nicht.
Ich habe solchen Durst, ich brauche etwas zu trinken. « 

Doch auch der Farmer sah ihn schon von ferne und dachte: 
»Der kommt doch hoffentlich nicht zu mir. Das fehlte mir gerade noch. 
Ich habe viel zu tun und kann mich nicht auch noch um andere Leute kümmern. « 
Und er machte mit der Arbeit weiter, ohne aufzublicken. 

Der Fremde aber sah ihn auf dem Feld, ging auf ihn zu und sagte: 
»Ich habe großen Durst. Bitte gib mir zu trinken.« 
Der Farmer dachte: »Abweisen darf ich ihn jetzt nicht, schließlich bin ich auch ein Mensch. « 
Er führte ihn zu seinem Haus und brachte ihm zu trinken. 

Der Fremde sagte: »Ich habe deinen Garten angeschaut. 
Man sieht, hier war ein Wissender am Werk, der Pflanzen liebt und weiß, was sie brauchen.« 
Der Farmer freute sich und sagte: »Ich sehe, auch du verstehst etwas davon. « 
Er setzte sich, und sie unterhielten sich lange. 

Dann stand der Fremde auf und sagte: »Jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. « 
Der Farmer aber wehrte ab. »Schau«, sagte er, »die Sonne steht schon tief. Bleib diese Nacht bei mir. 
Dann setzen wir uns auf die Veranda und unterhalten uns, bevor du morgen weiterziehst. « 
Und der Fremde stimmte zu. 

Am Abend saßen sie auf der Veranda, und das weite Land lag wie verklärt im späten Licht. 
Als es dann dunkel war, begann der Fremde zu erzählen, wie sich für ihn die Welt verändert habe, 
seitdem er inne wurde, dass ihn auf Schritt und Tritt ein anderer begleite. 
Erst habe er es nicht geglaubt, dass einer dauernd mit ihm ging. 
Dass, wenn er stehenblieb, der andere stand, und wenn er aufbrach, der andere sich mit erhob. 
Und er brauchte Zeit, bis er begriff, wer dieser sein Begleiter sei. 
»Mein ständiger Begleiter«, sagte er, »das ist mein Tod. 
Ich habe mich so sehr an ihn gewöhnt, dass ich ihn nicht mehr missen will. Er ist mein treuester, mein bester Freund. 
Wenn ich nicht weiß, was richtig ist und wie es weitergehen soll, dann halte ich ein Weilchen still und bitte ihn um eine Antwort. 
Ich setze mich ihm aus als Ganzes, gleichsam mit meiner größten Fläche; weiß, er ist dort, und ich bin hier. 
Und ohne dass ich mich an Wünsche hänge, warte ich, bis mir von ihm zu mir ein Hinweis kommt. 
Wenn ich gesammelt bin und mich ihm mutig stelle, kommt mir nach einer Zeit von ihm zu mir ein Wort, 
wie wenn ein Blitz, was dunkel war, erhellt — und ich bin klar.« 

Dem Farmer war die Rede fremd, und er blickte lange schweigend in die Nacht. 
Dann sah auch er, wer ihn begleitet, seinen Tod — und er verbeugte sich vor ihm.
Ihm war, als sei, was ihm von seinem Leben blieb, verwandelt. 
Kostbar wie Liebe, die um Abschied weiß, und wie die Liebe bis zum Rande voll. 

Am nächsten Morgen aßen sie zusammen, und der Farmer sagte: 
»Auch wenn du gehst, bleibt mir ein Freund.« 
Dann traten sie ins Freie und reichten sich die Hand. 
Der Fremde ging seines Weges und der Farmer auf sein Feld. 

Bert Hellinger, 
aus: Die Mitte fühlt sich leicht an

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