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Texte von

Khalil Gibran

In jedem Winter steckt ein zitternder Frühling, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen. 


Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters. 


Niemand kann euch etwas eröffnen, das nicht schon im Dämmern eures Wissens schlummert.
Ein Lehrer, wenn er wirklich weise ist, fordert euch nicht auf ins Haus seiner Weisheit einzutreten, 
sondern führt euch an die Schwelle eures eigenen Geistes.


Die Lust ist ein Gesang von der Freiheit,
aber sie ist nicht die Freiheit.
Sie ist die Blütezeit eurer Wünsche,
aber noch nicht ihre Frucht.


Gläubiges Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht werden wird.


Wenn die Liebe dir ein Zeichen gibt, dann folge ihr, auch wenn ihre Wege beschwerlich und steil sind.
Und wenn ihre Schwingen dich umhüllen, dann gib dich ihr hin, obwohl das unter ihren Fittichen verborgene Schwert dich möglicherweise verwundet.
Und wenn sie mit dir spricht, dann habe vertrauen zu ihr, 
obwohl ihre Stimme möglicherweise deine Träume zerschlägt, 
wie der Nordwind den Garten verwüstet.



Das Leben 

Das Leben ist verhüllt und verborgen, 
wie auch euer größeres Selbst verborgen 
und verhüllt ist. 

Aber wenn das Leben spricht, 
werden alle Winde Worte; 
und wenn es von neuem spricht, 
so wird das Lächeln auf euren Lippen 
und die Tränen in euren Aug' zum Wort. 

Wenn es singt, hören es die Tauben und sind ergriffen; 
und wenn es sich langsam nähert, 
sehen es die Blinden und sind entzückt 
und folgen ihm verwundert und erstaunt 



Ein Mann sprach zu einem anderen:

Vor langer Zeit schrieb ich mit der Spitze meines Stabs 
eine Zeile in den Sand - als die Flut kam; 
und die Menschen bleiben immer noch stehen, 
um die Worte zu lesen, und sie achten darauf, 
dass sie nicht verwischt werden. 

Und der andere Mann sprach: 
Auch ich schrieb eine Zeile in den Sand, 
doch zur Zeit der Ebbe; und eine Woge der rauen See 
spülte sie fort. Aber sage mir, was hast Du geschrieben? 

Und der erste Mann antwortete, indem er sprach: 
Dies: Ich bin der, der ist. Und wie lauteten deine Worte? 

Der andere sprach: 
Ich schrieb Ich bin nur ein Tropfen dieses weiten Ozeans. 


Ihr sollt nicht ... 

Ihr sollt nicht eure Flügel falten, 
damit ihr durch Türen kommt, 
noch eure Köpfe beugen, 
damit sie nicht gegen eine Decke stoßen, 
noch Angst haben zu atmen, 
damit die Mauern nicht bersten und einstürzen. 

Ihr sollt nicht in Gräbern wohnen, 
die von den Toten für die Lebenden gemacht sind. 
Und obwohl von Pracht und Glanz, 
sollte euer Haus weder euer Geheimnis hüten, 
noch eure Sehnsucht beherbergen. 

Denn was grenzenlos in euch ist, 
wohnt im Palast des Himmels, 
dessen Tor der Morgennebel ist und dessen 
Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind. 

Tadel

Ich tadelte meine Seele siebenmal. 
Das erste Mal, als ich versuchte 
mich auf Kosten der Schwachen zu erhöhen. 
Das zweite Mal, als ich 
vor Verkrüppelten zu hinken vorgab. 
Das dritte Mal, als ich, vor die Wahl gestellt, 
das Leichte dem Schweren vorzog. 
Das vierte Mal, als ich einen Fehler beging und 
mich mit den Fehlern der anderen tröstete. 
Das fünfte Mal, als ich, aus Furcht gefügig geworden, 
behauptete, groß in der Geduld zu sein. 
Das sechste Mal, als ich meine Kleider hob 
um dem Schmutz des Lebens zu entgehen. 
Das siebte Mal, als ich Gott mit Hymnen pries 
und meinen Gesang für Tugend hielt. 

Von der Freundschaft 

Euer Freund ist die Antwort auf eure Nöte 
Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät 
und mit Dankbarkeit erntet. 
Und er ist euer Tisch und euer Herd 
Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger, 
und ihr sucht euren Frieden bei ihm. 
Wenn euer Freund frei heraus spricht, 
fürchtet ihr weder das "Nein" in euren Gedanken, 
noch haltet ihr mit dem "Ja" zurück. 
Und wenn er schweigt, 
hört euer Herz nicht auf, 
dem seinen zu lauschen; 
Denn in der Freundschaft werden 
alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen 
ohne Worte geboren und geteilt, 
mit Freude, die keinen Beifall braucht. 
Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht: 
Denn was ihr am meisten an ihm liebt, 
ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer, 
wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint. 
Und die Freundschaft soll kein anderen Zweck haben, 
als den Geist zu vertiefen. 
Und lasst euer Bestes für euren Freund sein. 
Wenn er die Ebbe eurer Gezeiten kennen muss, 
lasst ihn auch das Hochwasser kennen. 
Denn was ist ein Freund, wenn ihr ihn nur aufsucht, 
um die Stunden totzuschlagen? 
Sucht ihn auf, um die Stunden mit ihm zu erleben. 
Denn er ist da, eure Bedürfnisse zu befriedigen 
nicht aber eure Leere auszufüllen. 
Und in der Süße des Freundschaft lasst Lachen sein 
und geteilte Freude. 
Denn im Tau kleiner Dinge 
findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt. 



Von der Zeit 

Mein Haus sagte zu mir:
"Verlass mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit".
Und die Straße sagte zu mir:
"Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft".
Und ich sage zu beiden, zu meinem Haus und zu der Straße:
"Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft.
Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem Verweilen;
und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang.
Nur Liebe und Tod ändern die Dinge." 



Der Granatapfel

Als ich einst im Herzen eines Granatapfels wohnte, hörte ich einen Samen sagen: eines Tages werde ich ein Baum sein der Wind wird in meinen Zweigen rauschen, die Sonne wird sich in meinen Laub spielen, und zu allen Zeiten des Jahres werde ich stark und schön sein."
Darauf sagte ein anderer Samen:
"Als ich so jung war wie du, hatte ich auch solche Wünsche. Mittlerweile habe ich gelernt , die Dinge zu gewichten, und eingesehen, dass meine Hoffnung eitel war.
Und ein dritter Same sagte: ich sehe nichts in uns, das eine so große Zukunft verspricht.!"
Ein vierter sagte." Aber was ist das für ein Leben, ohne Hoffnung und eine große Zukunft!"
Darauf ein fünfter:2 Warum streiten wir uns darüber, was wir einst sein werden, wissen wir doch nicht einmal, was wir sind."
Ein sechster:" Ich habe eine ganz klare Vorstellung, wie alles kommen wird, aber ich kann sie nicht in Worte fassen."
Dann sprach ein achter Samen - und ein Neunter - und ein zehnter - und dann noch viele- und schließlich alle, bis ich in dem Stimmengewirr nichts mehr unterscheiden konnte.
Noch am selben Tag, übersiedelte ich in das Herz einer Quitte. Dort gibt es weniger Samen, und sie sind recht schweigsam.

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